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| Lauter Verrisse: Mit einem einleitenden Essay
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Unterhaltsame Literaturkritik
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Lauter Verrisse: Mit einem einleitenden Essay (Taschenbuch) Marcel Reich-Ranicki wird oft vorgeworfen, er hege Animositäten gegen bestimmte Schriftsteller und er benutze seine Kritiken, um die mißliebigen Autoren niederzumachen oder gar "hinzurichten". Liest man "Lauter Verrisse" bestätigt sich diese Auffassung nicht. Schon allein deshalb, weil Reich-Ranicki in keinem einzigen dieser Aufsätze sagt, daß dieser oder jener Schriftsteller nichts tauge. Im Gegenteil, den etablierten bestätigt er, daß sie schon bewiesen haben, daß sie besser schreiben können und nennt ihre herausragenden Werke, den jungen Autoren bescheinigt er Talent und er erwartet in Zukunft von ihnen gelungere Arbeiten. Er behauptet nur, daß eben dieser spezielle Text mißraten ist.
Liest man die hier gesammelten Aufsätze, dann muß man zugeben, daß der Mann recht hat. Natürlich liest kein Schriftsteller gerne Sätze über sich wie: "Doch dieses Produkt von Anna Seghers ist nicht nur langweilig und geschmacklos und vollkommen mißraten, es ist auch noch töricht und verlogen..." Aber wenn Anna Seghers in ihrem Roman "Das Vertrauen" schreibt, die Aufständischen des 17.Juni 1953 seien lediglich "Agenten, Idioten und stinkende Individuen", dann hat sie keine andere Beurteilung verdient. Und wenn sie über Stalins Tod schreibt:"Auch solche, die bisher diesen Tod nicht so stark empfunden hatten, fühlten erschrocken, daß ihnen etwas Schweres, Unwiederbringliches geschehen war", dann ist weder die Sprache noch der Inhalt lobenswert.
Ohne Reich-Ranicki wären dem Leser vielleicht auch Stilblüten wie diese entgangen: Nach dem Tod eines Kindes läßt Stefan Andres eine Frau sagen: "Ihr Grab ist noch nicht eingesunken-und ich soll bei dir liegen Odilo? - wie kannst du das von mir verlangen?-ich soll Lust in meinem Schoß haben, wo ich sie trug." Ist das gute Literatur? Nein, behauptet Marcel Reich-Ranicki und wer wollte ihm da widersprechen.
"Otto Normalleser" läßt sich ja auch gerne mal von einem berühmten Namen beeindrucken und denkt sich: "Das Buch ist von Grass, also muß es gut sein. Und wenn es mir nicht gefällt, dann habe ich es wahrscheinlich nicht richtig verstanden." Reich-Ranicki sagt sinngemäß: "Nein, tut mir leid und wenn Grass auch das großartige Buch "Die Blechtrommel" geschrieben hat, diesmal hat der Kaiser keine Kleider an." Und er zitiert, erklärt und weist an objektiv nachvollziebaren Kriterien nach, warum "Örtlich betäubt" kein gelungenes Buch ist.
Dabei verbindet er eine profunde Sachkenntnis mit Witz und Ironie und bietet dem Leser so ein wahres Lesevergnügen.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 29. Juni 2003 | | |
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